Bedeutung von Bewegung im Alltag

Am 27. März 2017 ist der Startschuss zur zweiten Corporate Health Challenge gefallen. Der deutschlandweite Schritte-Wettbewerb bringt nicht nur Schwung in den Arbeitsalltag der Mitarbeiter, sondern unterstützt auch ein Projekt der Stiftung KinderHerz, welches die Leistungsfähigkeit herzkranker Kinder mit Aktivitätstrackern überwachen soll.

Bereits bei leichter körperlicher Aktivität, zum Beispiel beim langsamen Gehen, kann der Puls bei Kindern mit angeborenem Herzfehler, die unter Lungenhochdruck leiden, ansteigen. Für ihr Herz ist diese seltene, aber chronisch-fortschreitende Erkrankung eine enorme Belastung. Mithilfe einer Aktivitätstracker-Studie soll ihr körperlicher Leistungsstand frühzeitig überwacht werden, um langfristig mit der passenden Behandlung die körperliche Belastbarkeit zu steigern und die Aktivität dieser Kinder zu erhalten. 

Kinderkardiologin Dr. Astrid Lammers leitet das Projekt und weiß, dass Bewegung in unserem Alltag oft schon im Kindesalter viel zu kurz kommt. Menschen, die im Büro arbeiten, gelangen von einer sitzenden Position in die nächste und tun ihrem Körper damit keinen Gefallen. 

Frau Dr. Lammers, Sie haben sich in London und Münster intensiv mit Bewegungsstudien beschäftigt. Wie wichtig ist regelmäßige Bewegung im Alltag für unsere Gesundheit?

Regelmäßige Bewegung ist auf jeden Fall sehr wichtig. Wir wissen heute, dass sich Bewegungsmangel auf eine Vielzahl körperlicher Funktionen auswirkt. Menschen, die sich regelmäßig bewegen, haben nicht nur ein geringeres Risiko für kardiovaskuläre Probleme,  wie eine Erkrankung  bzw. Verengung der Herzkranzgefäße, Bluthochdruck oder Typ-II-Diabetes, sondern auch ein geringeres Risiko an bestimmten Krebsarten zu erkranken oder Knochenbrüche zu erleiden. Meist haben aktivere Menschen auch einen gesünderen Body-Mass-Index und schaffen es leichter, ihr Idealgewicht zu halten.

Durch Ihre Studie haben Sie mit kleinen Patienten zu tun, die durch ihre chronisch fortschreitende Erkrankung zunehmend körperlich eingeschränkt sind. 

Ja, ich habe ein besonderes Interesse daran, ihre Aktivität im Alltag zu messen. Die Erkrankung macht sich natürlich in ihrem Bewegungsradius bemerkbar. Wir beobachten häufig, wie sich Kinder selbst limitieren und sich in ihrer Aktivität zurücknehmen, wenn sie nicht mehr können. Bei Patienten mit einer chronischen Erkrankung gilt es, gerade diese körperliche Aktivität zu erhalten, die sie benötigen, um ihren Alltag zu bestreiten. 

Viele Kinder, die ich betreue, haben einen angeborenen Herzfehler, sodass auch die Erwartungshaltung der Eltern oftmals anders gesteckt ist als bei einem gesunden Kind. Auch die kleinen Patienten haben vielleicht noch nie in ihrem Leben erfahren, was es heißt,  normal belastbar zu sein wie Gleichaltrige. Bei Belastungsuntersuchungen im Universitätsklinikum Münster bieten wir kardiopulmonale Tests an,  welche die maximale Belastbarkeit und die maximale Sauerstoffaufnahme messen. Natürlich sind diese Werte wichtig, allerdings kann so ein Test von verschiedensten Faktoren beeinflusst werden, wie z. B. frühes Aufstehen, Anreise zur Klinik, lange Wartezeiten und vielleicht durch mehrere Untersuchungen vorab, sodass der Belastungstest oftmals nur eine ‚Momentaufnahme’ darstellt. Nicht zuletzt müssen die Kinder mitmachen wollen. Um Dauer, Ausmaß und Intensität der Bewegung von herzkranken Kindern in ihrer natürlichen Umgebung und in ihrem Alltag zu erfassen, ist der Einsatz von Aktivitätstrackern  für mich so interessant. 

Welche Ergebnisse erwarten Sie?

Meine Hypothese ist, dass die Erkrankung bereits relativ weit fortgeschritten ist, wenn der Patient erst beginnt, die Symptome wahrzunehmen. Wenn man die Möglichkeit hat, über einen längeren Zeitraum einen Patienten zu überwachen, sieht man womöglich deutlich früher, wie Leistungsfähigkeit und Aktivität nachlassen. So sind die betreuenden Ärzte viel besser in der Lage, subtile Veränderungen zu erkennen und können darauf entsprechend reagieren, noch bevor dem Patienten Symptome verminderter Belastbarkeit überhaupt bewusst werden. Die kranken Kinder sollen keine Leistungssportler werden, sie sollen aber durch eine optimale Therapie bestmöglich ihren normalen Alltag bewältigen können. 

Worin sehen Sie den Ursprung der typischen Gesundheitsprobleme von Angestellten?

Schreibtischgebundene Jobs, Computerarbeit, Haltungsproblematiken, mangelnde Bewegung – immer mehr Menschen verharren viele Stunden am Tag in gleicher Position. Gerade in Bürojobs sollte man lernen neben dem Arbeitsstress zwischendurch auf seine Haltung zu achten. Bewegungs- und Haltungsschäden können schon leicht durch  einen ergonomisch korrekten Arbeitsplatz und regelmäßiges Bewegen vermieden werden. 

Aber nicht nur Büroangestellte, auch Kinder und Jugendliche neigen dazu, sich immer weniger zu bewegen – nicht zuletzt durch erhöhten Medienkonsum. Mangelnde Bewegung im Kindesalter kann zu Haltungsschäden und Übergewicht führen. Wenn diese Kinder erwachsen werden und zusätzlichen Risikofaktoren ausgesetzt sind, potenziert sich das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. An einer genetischen Veranlagung, mit der ein höheres Risiko einhergeht, kann man bisher nichts ändern. Deshalb ist es umso wichtiger, dass man auf die Faktoren achtet, die man selbst beeinflussen kann – ausreichende Bewegung und gesunde Ernährung sind hier natürlich wichtige Faktoren.

Viele Menschen beschäftigen sich erst im mittleren Alter bewusst mit dem Thema Bewegung – häufig erst gezwungenermaßen. Wenn der erste Bandscheibenvorfall passiert ist, fragen sich viele, warum sie nicht eigentlich schon früher damit angefangen haben. 

Was bedeutet es konkret, sich ausreichend und regelmäßig zu bewegen? Wie viele Stunden, Minuten oder Schritte sollte man am Tag durchschnittlich aktiv sein?

Gesunden Erwachsenen rät die Weltgesundheitsorganisation (WHO) entweder zu 150 Minuten moderater bis intensiver Aktivität oder zu 75 Minuten intensiver körperlicher Aktivität pro Woche. Natürlich ist auch eine Kombination aus beidem möglich. Je nach Trainingszustand können das bereits normale Tätigkeiten im Alltag sein, wie z. B. schnelles Gehen oder Radfahren. Wir wissen heute, dass sich regelmäßige körperliche  Bewegung positiv auf die Funktionen verschiedener Organsysteme auswirkt. Selbst bei Patienten, die an chronischen Erkrankungen leiden, kommt immer wieder die Frage auf: Kann und soll ich mich eigentlich bewegen? Ja! Ein gesundes Ausmaß an Bewegung und ein guter Trainingszustand erhalten eine gewisse Grundausdauer. Natürlich gibt es gerade im Bereich chronischer Erkrankungen, v.a. Herzerkrankungen, Empfehlungen, welche Sportarten und in welchem Ausmaß betrieben werden können. Im Zweifelsfall empfehle ich eine Beratung durch den betreuenden Arzt. 

Aber auch ohne eine Erkrankung gibt es häufig immer wieder Dinge, die man vorschieben kann, warum man sich gerade heute nicht sportlich betätigen kann, insbesondere in einem ausgelasteten Arbeitsalltag. Umso wichtiger ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass man aktive Komponenten in den Alltag einplant und diese als Investition in die eigene Gesundheit sieht. 

Aktivitätstracker können helfen, dieses Bewusstsein zu schaffen und somit einen Anreiz geben, sich selbst zu motivieren und Ziele zu setzen. Man gewinnt einen Eindruck über den eigenen Bewegungsradius an Arbeitstagen oder an Wochenenden und versucht, eine zufriedenstellende Balance zu erreichen. Persönlich merke ich, dass ich mit Sport und regelmäßiger Bewegung besser funktioniere. Es fördert meine Aufmerksamkeit und die Effektivität meines Arbeitens.    

Fitnessarmbänder verleiten Erwachsene oft dazu, an einem bewegungsarmen Tag nach der Arbeit im Fitnessstudio die „fehlenden“ Schritte nachzuholen. Ist dies ratsam?

Bewegung ist immer gut - Aktivitätsmessung und auch Visualisierung kann ein enormer Motivationsfaktor sein. Wenn ich an einem arbeitsreichen eher schreibtischlastigen Tag bemerke, dass die Bewegung zu kurz gekommen ist,  z. B. daran, dass ich am Abend noch keine 10.000 Schritte erreicht habe, dann ist es vielleicht ein guter Grund abends noch aktiv zu werden und andere Dinge auch mal liegen zu lassen.

Meine Konzentrationsfähigkeit ist dadurch besser, ich kann aber auch körperlich ausgelastet besser schlafen.

Was können Sie empfehlen, um mehr Bewegung in den (Arbeits-) Alltag zu bringen?

Bei vielen Berufstätigen ist der Alltag häufig sehr strukturiert und Arbeitstage sind lang, sodass es vielen schwer fällt, in den Abendstunden konsequent ihren Sporteinheiten nachzugehen. Ein Geheimrezept für mehr Bewegung im Alltag gibt es nicht, allerdings kann sich jeder überlegen, welche Art von Bewegung in den Alltag integriert werden kann, um sich doch noch körperlich fit zu halten. Das können einfache Dinge sein, wie die Treppen statt des Aufzugs zu nehmen, den Kollegen im Büro nicht anzurufen, sondern direkt vorbeizugehen – all diese vermeintlich kleinen Dinge verschaffen mehr Bewegung. Je besser sich diese Dinge in den Alltag integrieren lassen, desto wirksamer sind sie. Ein Fitnessstudio, dessen Mitgliedschaft zunächst ein gutes Gewissen verschafft und den positiven Willen zeigt, dann aber doch nicht so regelmäßig genutzt wird, kann da nicht mithalten. 

Vielen herzlichen Dank, Frau Dr. Lammers, für Ihre Zeit und Ihren wertvollen Beitrag. 

Mehr über die von der Stiftung KinderHerz geförderte Tracker-Studie mit herzkranken Kindern von Dr. Astrid Lammers erfahren Sie hier